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Eizellvorsorge - eine legitime Notlösung

Eizellvorsorge (engl. social egg freezing) ist das Tiefkühlen unbefruchteter weiblicher Eizellen als Vorsorge für den Fall, dass es später mit dem Kinderkriegen nicht auf natürliche Weise klappt. Hintergrund ist die rapide abnehmende Fruchtbarkeit der Frau ab 35 Jahren (bei etlichen Frauen schon ab 30 Jahren). Wir bieten dies seit 2012 auch in unserem Labor an, empfehlen aber vorher eine ausführliche ärztliche Beratung.

 

Eizellvorsorge in aller Munde - Link zu NZZ-Artikel vom 16.12.2013 und Interview mit Philosophin S. Brauer

 

Ist es einfacher und mehrheitsfähiger, weibliche Eizellen zu konservieren als männliche Karrierestrukturen aufzubrechen? - Kommentar von Nicole Althaus, NZZ am Sonntag vom 18.05.2014

 

Auch im Nachrichtenmagazin «10 vor 10» vertrat ich 2014 meine differenzierte Meinung: Eizellvorsorge ist sicher kein Allerheilmittel für die Gesamtbevölkerung, kann aber für Frauen über 30 (35), die keinen geeigneten Partner zur Familiengründung haben, eine sinnvolle Lösung sein.

 

Kein einfacher Weg

Das Verfahren entspricht einer In vitro-Fertilisation in zwei Etappen: bei der Einlagerung werden die Eierstöcke der Frau mit Hormoninjektionen stimuliert, um dann die Eizellen in einer ca. zehnminütigen Kurznarkose durch die Scheide zu entnehmen, mit einer ultraschnellen Abkühlungsmethode (Vitrifikation) einzufrieren und in flüssigem Stickstoff bei -196 Grad Celsius zu lagern.

 

Um die eingelagerten Eizellen in einer zweiten Phase zu benützen, werden diese portionenweise aufgetaut und mit dem Samen des Partners im Reagenzglas befruchtet. 80-90% der Eizellen überleben das Einfrieren und Auftauen; wegen der natürlichen Ineffizienz der menschlichen Fortpflanzung beträgt die Chance auf ein Kind aber nur knapp fünf Prozent pro Eizelle. Aus diesem Grund sollte eine Frau zwischen 15 und 20 Eizellen einlagern, wofür unter Umständen mehrere Stimulationen nötig sind. Weder die Einlagerung noch die spätere In vitro-Fertilisation werden von der Krankenkasse übernommen; die Einlagerung kostet um 5000 Franken, die spätere In vitro-Fertilisation zwischen 8000 und 10'000 Franken.

 

Dauer der Einlagerung

Die eingelagerten Eizellen könnten sehr lange aufbewahrt werden. In der Schweiz ist die Lagerung noch auf fünf Jahre beschränkt (das entsprechende Gesetz ist aber in Revision, und eine Ausdehnung auf zehn Jahre ist 2016 absehbar). Wichtiger ist die Überlegung, die eigene Mutterschaft nicht beliebig lange hinauszuzögern und sich zu fragen, ob das eigene Kind wohl eine Mutter im Grossmutteralter möchte. Die Eizellen sollten aus unserer Sicht vor dem Alter von 45 Jahren verbraucht oder bei Nichtgebrauch vernichtet werden. Die Grenze von 45 Jahren gilt nur bei tadelloser Gesundheit (Nichtraucherin, kein Übergewicht, kein Bluthochdruck, kein Diabetes), da die Schwangerschaft sonst mit einem inakzeptabel hohem Risiko für Mutter und Kind einhergehen könnte.

 

Meine persönliche Ansicht

Die Eizellvorsorge ist eine Notlösung - besser und einfacher wäre es, die Familie zu gründen, bevor man 30 Jahre alt ist. Kinderfreundliche Gesellschaftsmodelle wie in Frankreich und in Skandinavien beweisen, dass dies möglich ist. Es gibt aber Lebenssituationen, in denen die Eizellvorsorge legitim ist und einen Teil des grossen psychologischen Drucks wegnehmen kann. In meiner Praxis sehe ich relativ selten die klischeehaften Karrierefrauen, die den Kinderwunsch vor sich herschieben; viel häufiger sehe ich Frauen, die sich immer schon Kinder wünschten, aber von ihren männlichen Partnern hingehalten oder im entscheidenden Moment verlassen wurden. Für diese Frauen ist das Vorhandensein eigener eingelagerter Eizellen eine attraktive Alternative zur (in der Schweiz verbotenen) Eizellspende. Kritiker des social freezing sollten sich fragen, ob sie mit derselben Verve auch Männer kritisieren, die im Alter von 50 oder 55 Jahren erst (oder nochmals) Vater werden.

 

Ich distanziere mich in aller Form von der hedonistisch-kommerziellen Werbung anderer Zentren, die nach dem Motto «Alles zu meiner Zeit» den Frauen suggerieren, sie sollen «das Leben unbeschwert geniessen, Karriere machen, erst den richtigen Partner fürs Leben finden ...». Diese Zentren bringen die Methode in Verruf und fördern den Irrglauben, das eigene Leben voll unter Kontrolle zu haben. Aus meiner Sicht ist die Fortpflanzung ein Grundbedürfnis des Menschen, das keiner Rechtfertigung bedarf und nicht ohne Not jenseits von 30 bzw. 35 Jahren hinausgeschoben werden sollte. Ein Kind stellt das - vorher ach so egozentrische und planbare - Leben im positiven Sinn auf den Kopf.

 

BUCHTIPP

Bye bye, Baby?

In diesem Buch erzählen Frauen mit (noch) unerfülltem Kinderwunsch ebenso offen wie selbstkritisch aus ihrem Leben. Die ehrlichen wie berührenden Porträts werden umrandet von Gesprächen mit Experten verschiedenster Fachrichtungen, die interessante Fakten vermitteln, neue Denkanstösse liefern und über mögliche Hintergründe des Phänomens «Kinderwunsch» nachdenken.

 

 

 

Dr. Michael Singer / Dezember 2013 / April 2016